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Aktuell

Überschwemmung in Huttwil

Flutpost von der Familie Rachdi:
auf die Bilder klicken für eine vergrösserte Version!
 

 

Berty Anliker hat einen schönen Artikel für die Zeitung geschrieben:
Zwei Hochwasser, eine Geschichte
 

Erlebnisbericht von Regula Farner Rachdi, Turbinenhaus Lochmühle
 
Es ist Freitag Abend, 8. Juni 2007 ca. 21:00 Uhr. Ich bin zuhause zusammen mit Fiona. Menel ist in Pirna an der Elbe, Runa in der Stärenegg und Leyla und Aisha sind weggegangen. Fiona und ich spielen auf der Terrasse "Alhambra", als Fiona plötzlich sagt: "Komm wir gehen ins Haus, es gibt ein Gewitter." In der Ferne sehen wir Blitze und hören Donnergrollen. Ich zähle 15 Sekunden zwischen Blitz und Donner und sage zu Fiona: "Nein, nein, das Gewitter ist weit weg." Dann kommen Leyla und Aisha heim vom Städtchen. Es ist ca. 22:10 Uhr. "Ich gehe noch schnell zu Ida (unserer Nachbarin), sie fürchtet sich nämlich bei Gewitttern sehr", sagt Aisha. Sekunden später ist sie wieder da und ruft: "Ich kann nicht gehen, der Hausvorplatz ist überflutet!"
 
Ich habe in diesen 13 Jahren, seit wir hier wohnen, manches Hochwasser gesehen, aber so wie dieses noch nie. Ich gehe in den Maschinenraum (die Lochmühle ist ein Wasserkraftwerk), wo die Bilder von Menel stehen und beginne in Eile zusammen mit Leyla diejenigen, welche in Bodennähe sind, aufs Hochregal zu stapeln. Zwischendurch ein Blick nach draussen. "Es kommt!" Nach 10 Min. läuft das Wasser zur Türe herein. Aisha hat mit Fritz telefoniert, das ist unser Nachbar, welcher bei der Feuerwehr ist. Er sagt, dass alle sofort das Haus verlassen müssen, es komme eine Flutwelle. "Mein Gott! Das Wasser steht ja bereits bei der Ateliertüre und es soll noch eine Welle kommen..." Schnell packe ich den Kater Kasimir und schupfe ihn die Treppe hoch in den ersten Stock. Moira die Hündin hat sich bereits im zweiten Stock oben verkrochen. Nachdem wir alle Stromsicherungen unterbrochen haben, verlassen wir um ca. 22:30 Uhr das Haus via Ateliertüre, und steigen hinten über den Gartenzaun in den erhöhten Baumgarten. Oben auf dem Strässchen stehen wir mit Schreck und Staunen und schauen zu, wie unser Wohnhaus innert 45 Minuten zu einer Insel im reissenden Fluss wird. Es donnert und kracht und tobt, aber bei uns fällt kein Regen.
 
Etwa um 1:00 Uhr in der Nacht finden wir bei Barbara und Ernst in der Küche heissen Tee und reden oder schweigen uns den ersten Schock von der Seele.
Dann versuchen wir zu schlafen. Um ca. 4:00 Uhr morgens erwache ich und höre einen Helikopter. Ich stehe auf und muss zum Haus zurück um es in der Morgendämmerung zu sehen. Die Erde dampft und zum Haus kann ich nicht hin, denn auf Wiese und Weg ist alles mit Schlick bedeckt. Ich gehe wieder zurück.
Um 7:00 Uhr stehe ich wieder auf. Als ich durchs Quartier gehe, barfuss und noch etwas verstört, merke ich wie ruhig und friedlich alles ist. Wüsste ich nicht, dass dort unten unser Zuhause überflutet wurde, so wäre dies ein wunderbarer Tag, geht mir durch den Kopf.
Jetzt kann ich schon etwas näher ans Haus heran. Alles wirkt gespenstisch. Der Garten ist verkeilt mit Holz, Sträuchern, unserem Postwagen und Pflanzen. Als ich mit der Taschenlampe in die Fenster von Atelier und Waschküche zünde, erkenne ich fast nichts mehr. Kästen, Schubladen, Stühle, Truhen, alles hat das Wasser hochgehoben und gekehrt. Der Boden, sofern ich noch etwas davon sehe, ist mit mindestens 20cm Schlamm überdeckt. Zur Haustür kann ich gar nicht vordringen. Ich getraue mich noch nicht richtig heran, weil ich nicht sicher bin, ob da nicht noch etwas stürzt. Mit einer Schaufel, die ich finde, fange ich dann an, den Weg vom Schlamm zu befreien. Da sehe ich Fritz den Nachbarn und Heinz, den Bauern vom Berg, welcher den Baumgarten betreut. Heinz holt seinen Traktor, damit wir mit aufräumen beginnen können und ab diesem Moment sind immer wieder Leute da, die helfen und mit uns im Schlamm stehen. Alle schaufeln verschlammtes Material hinaus, waschen Lithografien und Bilder von Menel und tragen Kisten hinaus. Ich denke, dass dies schnell passieren muss, denn sonst wird der Schlamm hart und das Hinaustragen noch schlimmer und alles beginnt zu stinken.
 
Dutzende von Händen arbeiten und ich stehe mittendrin und muss blitzschnell entscheiden, was verabschiedet wird und was behalten.
Bei Herrmann's können wir essen. Vor dem Haus haben sie zwei Tische aufgestellt und alle, die mitarbeiten bekommen ein Mittagessen.
So verläuft nun jeder Tag: sortieren, putzen, retten und immer ist jemand da zum helfen, dessen Fähigkeiten genau am richtigen Ort zum Einsatz kommen. Ich weiss gar nicht, wie ich meine Dankbarkeit ausdrücken soll, ihr habt uns gerettet, wir wären sonst mitten in diesem Schlamm verzweifelt.
 
 
   
Die Verwüstung ist gross. Doch dank tatkräftiger Mithilfe kehrt langsam
 

wieder etwas Ordnung ins Chaos. Was nicht von der Flut weggerissen worden ist,
 

wird gesichtet und sortiert. Bereits erkennt man den Charme der Lochmühle wieder.
 

Und während die geretteten Bilder gereinigt werden, kehrt auch das Lachen wieder zurück.
 

Spendenaufruf

Die Künstlerfamilie von Menel und Rägi in Huttwil ist von den Wasser- und Schlammmassen arg betroffen. Schuhe, Kleider, Infrastruktur, Kunst- und andere Werke sind weg.
"In grosser Dankbarkeit, dass wir an Leib und Leben unversehrt sind, arbeiten wir mit diesem Schlamm und im Bewusstsein, dass er auch Nährboden für Neues sein kann. Die grosse menschliche Hilfe von den vielen Engeln in Stiefeln und Gummihandschuhen hat uns gerettet und die Liebe und Geborgenheit gegeben, die in dieser Situation überlebenswichtig ist. Herzlichen Dank allen, die für uns da waren und es noch sein werden!
Da wir versicherungstechnisch nicht gut finanziell versorgt sind, werden wir auf Spenden angewiesen sein. Ganz herzlichen Dank für alle Beiträge! Leider werden wir im Moment nicht in der Lage sein, persönlich zu verdanken."
 
Unsere PC-Kontonummer: 49-10509-4, Familie Rachdi, 4950 Huttwil
bitte mit Vermerk "Hochwasser"